Freitag, 9. Februar 2018

Komfortzonen ausweiten & Panik vermeiden


 Schon Tage vorher bekomme ich bei Gedanken daran ein flaues Gefühl im Magen.

Kurz vor dem Beginn habe ich nasse und kalte Hände und einen trockenen Mund.

Schnell noch einen kleinen Schluck trinken und dann los.

Das "Schlottern" meiner Knie kann ja glücklicherweise keiner sehen.

Mit noch einem K-Beitrag zur Blogparade "E-Learning A B C" werfe ich einen Blick zurück, als ich meine Komfortzone als Trainer erweitert habe.

Die obige Beschreibung ist nicht übertrieben. Es war wirklich ein Glück, dass mich meine Teilnehmer vor Jahren im virtuellen Raum, bei meinen ersten Webinaren, nicht sehen konnten.

Auch, dass meine Stimme etwas rauher klang als sonst lies sich gut der Übertragung des Audios zuschreiben.

Und dass ich am Ende der Session fix & alle und durchgeschwitzt war, war zum Glück auch nicht sichtbar.


Meine ersten Schritte in den virtuellen Raum


Das ist im virtuellen Raum nach wie vor ein Vorteile, dass die eigene Nervosität nicht gleich ganz oben in der Wahrnehmung der Teilnehmer steht.

Doch sollten wir E-Trainer auch immer wieder daran zurückdenken. Denn: Unseren Teilnehmern geht es vermutlich oft ähnlich.

Wie nun kann ein E-Trainer seine Teilnehmer gut abholen, mitnehmen, einbinden - dafür sorgen, dass alle die Lernzone wahrnehmen können? Wie vermeiden, dass möglichst keiner in einer "Panikzone" landet?


Neurodidaktik für Trainer


Sie erinnern sich vielleicht, dass ich ja im letzten Jahr das Buch "Neurodidaktik für Trainer" von Franz Hütter und Sandra Mareike Lang gelesen habe.

Bereits damals habe ich mich ja mit interessanten Teilen im Buch beschäftigt:

Im Teil II des Buches werden unter der Überschrift "Soft Skills & Hard Facts: Neurodidaktik aktueller Konzepte, Methoden und Modelle im Training" neurodidaktische Grundlagen auf einzelnen Konzepte bezogen (vgl. S. 141).

Interessant finde ich hier das Bild der:
  • Komfortzone
  • Lernzone
  • Panikzone

Sicher, das ist kein neues Thema, doch finde ich es aus der Perspektive des Lehrenden wichtig dieses Bild mal wieder ganz nach vorne zu holen.

Komfortzone der Lerner


Was genau ist denn nochmal die Komfortzone?

Anja Maschlanka beschreibt das, wie ich finde, sehr passend: "Die Komfortzone beinhaltet alles, was wir kennen. Dazu gehören ... Verhaltensweisen, ... Gewohnheiten, alles, von dem wir wissen was funktioniert und was nicht - kurz gesagt: die Komfortzone ist sehr komfortabel, wir kennen uns bestens in ihr aus  dort ist es schön gemütlich und bequem. [Quelle: https://www.persoenlich-wachsen.de/komfortzone/ Link vom 09.02.2018]


"... die Komfortzone ist [also] ein Zustand ... in dem eine Person angstfrei agiert und mit einem begrenzten Verhaltensrepertoire stetig ein bestimmtes Leistungsniveau hält, ohne dabei ein Risiko einzugehen." (Hütter, Lang, 2017 S. 176)


Und dann kam das E-Learing...

Und auf einmal durfte man nicht mehr irgendwohin fahren, nicht mehr Kaffee trinken ...

Man sitzt vor dem Computer .... ganz allein .... und dann findet man den Link zum Raum nicht mehr ...

oder der Flashplayer ist nicht akuell und man kommt nicht rein ...

und wenn man dann durchgeschwitzt endlich drin ist ... hört man nichts!!!

"Wird ein bestimmtes Maß an negativer Erregung überschritten..." befindet sich der Lerner auf einmal in der Panikzone.(Hütter, Lang, 2017 S. 176)

Da kommen dann die "Basalganglien" ins Spiel. Diese "sind an der Speicherung und am Abruf routinemäßiger Arbeitsabläufe beteiligt" (S. 177). Und genau auf dieses "Das haben wir schon immer so (!) gemacht!" versuchen Menschen auch in neuen Situtationen als erstes wieder zurück zu greifen.

Funktionieren "Routinen & Rituale" dann nicht, verursagt das Stress.
"Das Verlassen der Komfortzone ... kann je nach Persönlichkeit und Vorerfahrungen zwischen Neugier, Anspannung und Angst changieren." (S. 176)

Mit Neugier und Anspannung kann man als E-Trainer nach meiner bisherigen Erfahrung gut arbeiten. Denn dann sind die Wahrnehmungskanäle noch immer offen. Es kann Aktion und Interaktion stattfinden.

Schwierig wird es bei Angst. Lerner, die in neuen Lernszenarien in "passive Agression oder aktiven Widerstand" (S. 177) eintreten sind online schwerer wieder "einzufangen".

Lernzonen bewusst kreieren


Als E-Trainer ist es also eine wichtige Aufgabe für mich bereits im Vorfeld, also noch vor der Durchführung einer E-Maßnahme, möglichst u.a. zu folgenden Punkten genau zu wissen:
  • Wer meine Lerner sind
  • Welche Vorerfahrungen meine Lerner haben
  • Welche Vorbehalte zu E-Maßnahmen ggf. vorhanden sind
  • Ob schon negative Erlebnisse zu E-Maßnahmen gemacht wurden

"... ausreichend Zeit für den Aufbau verlässlicher Bindungsbeziehungen zwischen den Teilnehmern untereinander, sowie zwischen Trainern und Teilnehmern wirkt angsthemmend." (S. 178)

Dies kann ich nur bestätigen.

Der E-Trainer kann u.a. an folgenden Punkten ansetzen:
  • (Technisch) Ungeübte Teilnehmer gut abzuholen
  • Teilnehmer passend ins Webinar zu begleiten
  • Die Technik spielerisch zu entdecken
  • Die Teilnehmer zu aktivieren und mit einzubeziehen
  • Und wichtig: die Teilnehmer erwachsen zu behandeln
(vgl. 99+ Fragen & Antworten zum Webinar, Anja Röck, Grin Verlag 2015, S. 81 ff.)

Durch diese Maßnahmen kann das Bindungshormon Oxytocin (mit seiner angstlösenden Wirkung) freigesetzt werden.

Der E-Trainer hat die Aufgabe da(!) zu sein.


Dies sollte er sich immer bewusst machen - u.a. durch "seine Vorbildfunktion und -wirkung" und mit "gutem Beispiel voranzugehen. ... Ist auch der Trainer als Mensch erkennbar, lädt dies Teilnehmer dazu ein, sich ebenfalls zu öffnen. ...Teilnehmer können so die Erfahrung machen, dass sie mit ihren Schwächen, Sorgen, Nöten und Ängsten nicht allein sind." (Hütter, Lang, 2017 S. 179)

Die Lernzonen ohne Angst ermöglichen heißt also das Motto!

Ich staune jedes Mal und immer wieder, wenn angehende E-Trainer bei ihrer ersten Präsentation kurzatmig sind. Auf einmal sind selbstbewusste, professionelle und langjährig tätige Trainer wieder nervös.
Die Komfortzone wird verlassen...

Durch eine langsame Einführung (Panikzonen vermeidend), eine angemessene Steigerung, Feedback, Reflexion und Üben tritt dann die Entwicklung ein.

Lernen neurodidaktisch ermöglichen


"Um die Grenzen [der Komfortzone] zu verlassen müssen neue neuronale Autobahnen gebaut werden. ... Bei aller Umsicht ... soll jedoch der Trainer seine Teilnehmer nicht davor bewahren [Neues, wenn auch mit] schlotternden Knien [auszuprobieren und entdecken zu können]." (S. 179)

Ich wünsche Ihnen gute Lernerfahrungen und ein schönes Wochenende.

Herzliche Grüße
Anja Röck

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